Türkei – Antakya, vom Erdbeben zerstört

Es ist schwer, über den heutigen Tag zu schreiben. Sehr schwer.

Eigentlich sollte unser Weg «nur» entlang der türkisch-syrischen Grenze führen. Hier und da ein paar interessante Orte anschauen. Und dann, ohne es wirklich geplant zu haben, lesen wir über die nächsten Orte, durch die wir fahren werden.

Und ja, wir wussten, dass hier, im Südosten der Türkei und im Norden Syriens, im Februar 2023 ein schweres Erdbeben zehntausende Menschen in den Tod gerissen hat, Hunderttausende Wohnungen und Häuser eingestürzt sind. Natürlich wussten wir das. Und doch haben wir es irgendwie nicht direkt auf unserer Route verortet. Sind wir nachlässig, unwissend oder gar desinteressiert?

Diese Fragen treiben uns um. Als wir abends an einer Art Containersiedlung vorbeifahren, denken wir noch, dass das wohl Unterkünfte für Geflüchtete sind. Ich googele und lese, dass die vielen Menschen, die durch das Erdbeben buchstäblich alles verloren haben, hier unterkommen können. Oh shit, plötzlich schauen wir uns an und stellen uns immer wieder die gleiche Frage: «Sollen wir durch die zerstörten Städte fahren, sollen wir uns das wirklich anschauen?» Wie wird das auf die Menschen wirken, werden wir als Gäste wahrgenommen, die vielleicht sogar hier und da etwas konsumieren, kaufen und damit unterstützen, oder sind wir einfach nur Katastrophentouristen?

Diese Frage werden wir nicht abschliessend beantworten. Und beschliessen, nach Antakya zu fahren. Hier, so lesen wir, sind 100 % der Häuser zerstört und unbewohnbar. Wir fühlen uns mit unserem ausländischen Wohnmobil nicht wohl, würden gerne in einem kleinen unscheinbaren Auto mit türkischem Kennzeichen fahren.

Das ganze Erdbebengebiet ist etwa so gross wie Deutschland, wir fahren etwa zwei Stunden durch eine Gegend mit zerstörten holprigen oder nigelnagelneuen glatten Strassen. Wir fahren Umleitungen mit tiefen Schlaglöchern und Regenpfützen quer über die ganze Strasse und kilometerlang an Schotter- und Geröllplätzen vorbei. Erst später merken wir, dass hier überall Häuser standen, die bereits abgerissen und «verteilt» wurden. Grundstück für Grundstück wurde eingeebnet.

Kilometerlang fahren wir an Container- und Zeltstädten vorbei. Irgendwann, wir sehen eigentlich keinen Unterschied mehr zwischen Land und Stadt, scheinen wir im Zentrum von Antakya angekommen zu sein.

Sie soll eine der ältesten Städte sein, lag an der Handelsstrasse nach Aleppo und beherbergte unendlich viele schöne historische Bauten und Museen. Die Mosaiken im historischen Museum zählten zu den wertvollsten, die noch erhalten waren.

Viele Strassen, die uns unser Navi empfiehlt, gibt es einfach nicht mehr. Nach wiederholtem Versuch schaffen wir es dann doch noch über eine noch intakte Brücke.

Die Parkplatzsuche hingegen ist einfach. Einfach anhalten. Häuser gibt es kaum noch. Und die, die da stehen, sind leer. Kaputt, krumm und schief. Aus manchen leeren Fenstern, die uns wie traurige Augen anschauen, flattern zerrissene Gardinen.

Also stellen wir unseren Felix irgendwo ab und beschliessen, zu Fuss zu gehen. Wohin? Keine Ahnung. Die Kamera lassen wir im Auto, es fühlt sich einfach nicht gut an. Ab und zu zücken wir unser Handy und fotografieren verstohlen die Tragödie.

Und dann, nachdem wir die Tränen getrocknet und uns vom ersten Schock erholt haben, sehen wir sie. Die Menschen. Sie lächeln uns zu, grüssen uns. Sie sehen gut gekleidet aus, junge Frauen machen Selfies, junge Männer sitzen beim Tee zusammen. Es scheint eine Art Alltag zu sein, den wir beobachten dürfen.

In einem Interview vorher haben wir gehört, dass jeder und jede hier Familienangehörige verloren hat. Dass die Menschen total traumatisiert sind. Dass die Hilfe gering ist, aber in diesem Ausmass auch nicht wirklich grösser sein kann.

Wir laufen durch den alten Basar, der irgendwie einfach weitergeht. Seifen hier, Süssigkeiten dort. Etwas weiter Kupfertöpfe, dort ein eingestürztes Gebäude, mit einem Tuch etwas verdeckt, davor Plastikspielzeug und Verkaufsständer mit bunten plüschigen Jogginghosen.

Das einzig erhaltene Restaurant lockt uns. Der Chef freut sich über uns, spricht gut Englisch. Wir bestellen etwas. «Was ist das Beste?», fragen wir? Er sagt es uns, wissen jedoch nicht, was er meint und bestellen es einfach. Und er hat recht. Es war wunderbar.

Es fühlt sich normal an. Irritierend normal. Die Leute hier haben gelitten und verloren. Aber jetzt ist es Alltag. Für uns ist der Schock noch sehr präsent, wir spüren unsere Hilflosigkeit.

Wir laufen noch ein Stück durch die alten Strassen, kommen an einer eingestürzten Moschee vorbei. Ein Mann spricht uns an, will uns etwas erzählen. Wir hören zu. Er hat überlebt, er hatte Glück, er ist nicht auf die Strasse gelaufen, er ist in seinem Haus geblieben. «Auf der Strasse, in den engen Gassen, da sei es am schlimmsten gewesen», erzählt er. Dort seien die Häuserwände auf die Menschen gestürzt.

Jetzt fehlen ihm nur zwei Finger, das wäre zu verkraften. Vom Staat hat er 10.000 Lira (etwa 300 bis 400 Euro Anfang 2023) bekommen, damit hat er sein Haus renovieren können. Er wohne im Hang, da war das Erdbeben weniger heftig. Seine Mama lebt noch in Deutschland, er selbst ist seit den 90er Jahren wieder hier. Sie soll nicht kommen, sie würde den Anblick nicht ertragen, macht er sich Sorgen.

Wir fragen, wie es denn jetzt sei, hier zu sein. «Na ja, so etwas wie Alltag. Es gibt Wasser, Strom, Medikamente und wir helfen einander.» Später erfahren wir, dass es kaum noch Arbeit gibt, wo denn auch? Alle Fabriken, alle Betriebe sind zerstört.

Auf dem Weg zu unserem Felix durchqueren wir noch einmal den langen Basar, wie er hier heisst. Männer spielen Backgammon, wir setzen uns dazu und trinken Tee. Man freut sich, dass wir da sind. Wir scheinen die einzigen Besucher zu sein. Dabei war Antakya mal ein Touristenmagnet.

Wir schaffen es, ganz normale, einfache Gespräche zu führen, wir lachen, wir lernen mit der Teeverkäuferin die türkischen Zahlen bis 10 und langsam löst sich das traumatische Gefühl in meinem Bauch.

Am Ende kauft Gerd mir noch mein Geburtstagsgeschenk. Ich habe mir schon lange eine typische gehämmerte Kaffeekanne aus Kupfer gewünscht. Dass sich mein Wunsch nun ein Monat zu früh erfüllt: geschenkt. Fühlt sich gut an, das Geld hier auszugeben. Ohne zu handeln. Das passt einfach nicht. Eigentlich nie, aber hier schon gar nicht.

Irgendwann sitzen wir im Van, atmen tief durch. Gerd nimmt mich in den Arm und sagt: «Lass uns fahren. Lass uns die Leute segnen. Aber lass uns fahren.»

Wieder geht es vorbei an kilometerlangen Geröllfeldern, Zelt- und Containersiedlungen. Die Häuser, die noch stehen, erinnern wie krumme Gerippe an das Unvorstellbare. Tränen laufen mir über die Wangen. Und ich will einfach wegschauen. Ich will es nicht sehen. Ich will es auch nicht wissen. Es schmerzt einfach so sehr.

Und ja, ich schäme mich, das zu schreiben. Aber es ist auch ein Gefühl, welches sich nicht ändern lässt.

Meine Kraft reicht gerade noch, einen Platz für uns zu finden, bitte, nur noch 20 Minuten, nicht mehr. Wir wollen Ruhe. Unsere Gedanken zu Ende denken und trauern. Mit den Familien, mit den Menschen. Heute Abend gehen wir traurig schlafen.

Informationen gibt es hier:

https://www.youtube.com/watch?v=bS04ltTD6rc

https://www.ardmediathek.de/video/weltspiegel/tuerkei-giftiger-staub-nach-dem-erdbeben/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3dlbHRzcGllZ2VsLzhmODg5YWVjLTljMTYtNDViNy1hOTEwLWExYmUwNmM2ZGFiYw

https://www.deutschlandfunkkultur.de/weiterleben-im-gewaechshaus-nach-dem-erdbeben-in-antakya-tuerkei-dlf-kultur-f4b75e18-100.html

https://www.ndr.de/nachrichten/info/Die-Asbesthalde-von-Samandag-Sechs-Monate-nach-dem-Erdbeben-in-der-Tuerkei,audio1437380.html

https://www.arte.tv/de/videos/111748-004-A/re-nach-dem-erdbeben/

leben pur

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Merci fürs «Mitreisen»

Wir reisen in diesen Wochen durch Iran. Möglicherweise werden wir Beiträge nicht oder verspätet schreiben. Wir müssen erst einmal schauen, ob wir genügend Internet oder Empfang haben und ob es für uns passt, aus dem Land zu veröffentlichen. Und ob wir es überhaupt schaffen, all die fantastischen Eindrücke zeitig zu notieren.

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Rachel
Rachel
1 Monat zuvor

Eure Tränen sind auch meine. 😢

Die Welt ist voll von traumatisieren Menschen, die ALLES verloren haben.
Durch Katastrophen, durch Krieg, durch Gewalt von anderen Menschen.

Und hier ?

Ich möchte garnicht nachdenken über den Luxus in dem wir leben, über Egoismus, Geiz, Rücksichtslosigkeit, null Anstand, null Respekt.
Meine Liste ist lang.

Ich muss langsam meine Augen verschließen,
sonst werde ich verrückt.
Ich bin froh schon so alt zu sein, wie ich bin.
Ich möchte die Welt nicht in 30 Jahren sehen.

Habt weiterhin eine gute Reise.

Und danke euch aus tiefstem Herzen für euren Mut dort hingefahren zu sein, dass ihr ausgestiegen seid, die Menschen besucht und gesprochen habt. 👍
Ihr habt meinen Respekt und fühlt euch fest umarmt.
Einfach weil ihr so seid, wie ihr seid.

Alles liebe
Vom Racheli

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